Meine Erfahrungen als Au Pair

Keine Lehrstelle? Was nun?

Was tust du als Schulabgänger, mit 15 Jahren, wenn du nicht weisst, ob du eine Ausbildung machen möchtest oder weiterhin in die Schule gehen willst? Im Sommer 2012 stand ich genau vor dieser Frage – mit einer Menge Angst.

Die meisten meiner Schulkameraden hatten bis zum Sommer eine Lehrstelle bekommen. Dieses Glück blieb mir leider verwehrt. In das verpönte 10. Schuljahr (eine Art Brückenjahr) wollte ich auf keinen Fall. Meine ehemalige Klassenlehrerin machte mir den grandiosen Vorschlag: Mach doch ein Au Pair Jahr. Zuerst war ich überhaupt nicht von dieser Idee begeistert, da ich sowieso schon dachte, ich würde alle meine Freunde verlieren, da wir uns jetzt nicht mehr jeden Tag sehen würden. Ich befasste mich dann aber doch mit dem Thema, sodass ich den Beschluss fasste: Ich möchte mein Französisch verbessern. Da mein Englisch (damals A2 Niveau) viel besser war,  als mein Französisch, war das für mich die einzige sinnvolle Lösung.

Zur Erklärung: In Liechtenstein haben wir ein etwas Anderes Schulsystem. Fünf Jahre Grundschule sind obligatorisch, in denen lernt man ab dem dritten Jahr Englisch als erste Fremdsprache. Nach der Grundschule besucht man eine der zwei Weiterführenden Schulen, die vier Jahre dauern, dort lernen wir Französisch als zweite Fremdsprache. Man hat somit zwei Jahre Vorsprung in Englisch und das Sprachniveau in Englisch und Französisch unterscheidet sich deswegen extrem voneinander. Da ich zweisprachig aufgewachsen bin, mit Deutsch und Portugiesisch, hatte ich das Glück, dass ich alles verstehen konnte, aber eine normale Konversation überforderte mich bereits.

Ich wusste nun welche meiner Fremdsprachen ich verbessern wollte. Jetzt stellte sich nur noch die Frage: Wo möchte ich Französisch lernen? Für mich kam Frankreich nie in Frage, da es für mich viel zu weit weg von zu Hause war. Des weiteren spielte der finanzielle Faktor ebenfalls eine entscheidende Rolle. Ich entschied mich schlussendlich dafür ein Au Pair Jahr in der Westschweiz, der französisch sprechende Teil der Schweiz, zu machen. Da die Westschweiz nur zwei Stunden von mir zu Hause entfernt war, konnte ich jedes Wochenende mit dem Zug nach Hause fahren.


Was ist/macht ein Au Pair?

Ein/e Au Pair ist ein/eine junge/r Erwachsene/r, die/der gegen Verpflegung, Unterkunft und Taschengeld bei einer Gastfamilie im In- oder Ausland tätig ist. Im Gegenzug lernt er/sie die Sprache und Kultur des Gastlandes bzw. der Gastregion kennen.


Gibt es Voraussetzungen um Au Pair zu werden?

  • In der Schweiz ist es ab dem 15. Lebensjahr erlaubt Au Pair zu werden
  • für Jugendliche nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit
  • 30 – 40 Stunden Arbeit pro Woche, z.B. Haushalt und/oder Babysitten
    • geregelt mit einem Arbeitsvertrag
    • Lohn zwischen CHF 490.00 und CHF 750.00
  • Babysitter-Kurs von Vorteil
  • Nothelferkurs/Samariterkurs ist zwingend
  • Sprachschulbesuch 4 – 6 Lektionen pro Woche

Die richtige Vermittlungs-Agentur finden

Bei diesem Punkt, kann ich dir wirklich ans Herz legen: Such dir eine gute Vermittlungs-Agentur!

Nach langem hin und her und viel Recherche im Internet, habe ich bei der Agentur PRO FILIA in Chur einen Termin für ein erstes Gespräch abgemacht. Vorab teilte mir die Dame mit, dass ich zum Gespräch eine Bewerbung mit einem Einschreibeformular, Brief an meine Gastfamilie (mich vorstellen, Lebenslauf und Erwartungen) vorbereiten und mitnehmen musste.

Im Gespräch nahm die Frau immer wieder Bezug auf meine Bewerbungsunterlagen und fragte nach, in welchem Alter meine Gastfamilien Kinder sein durften, wie viele Kinder ich betreuten wollte, ob ich in der Stadt oder auf dem Land wohnen möchte usw. Sie erklärte uns, dass ich jeden Mittwoch Nachmittag Schule habe, um mich damit auf das Diplom DELF vorzubereiten. In welche Schule ich dann gehen würde, könne sie erst sagen, wenn ich mich für eine Gastfamilie entschied.

Zu guter Letzt bereitete Sie uns einen Kostenvorschlag vor, der meiner Meinung nach völlig in Ordnung war. Die Schulgebühren von circa CHF 1’000.00 waren da noch nicht inkludiert.

Unbenannt
Quelle: https://www.profilia.ch/gr/das-au-pair-jahr/

Alternativ kann ich dir auch die Agentur Didac empfehlen. Diese Agentur ist um einiges preiswerter, dementsprechend aber auch viel professioneller wie PRO FILIA. Didac bietet einem verschiedene Möglichkeiten an: Au Pair Jahre mit/ohne Kinderbetreuung und Sprachaufenthalte. Als ich mich damals darüber informierte, hätten meine Eltern mit ca. CHF 20’000.00 rechnen müssen (mit Schulgeld, Diplom, weitere anfallende Kosten), was meiner Meinung nach einfach viel zu hoch ist. Die Preise haben sich, wie ich auf der Webseite gesehen habe, sehr gesenkt.


Gastfamilienvorschläge und Schnuppertag bei der Gastfamilie

Während des Gesprächs habe ich die ersten Vorschläge für eine Gastfamilie bekommen. In diesem Moment wurde ich damit ehrlich gesagt ziemlich überrumpelt und überfordert. Vor allem konnte ich mich damals selbst noch nicht allzu gut einschätzen. Mir war nicht bewusst, was ich mir tatsächlich zumuten kann. Schlussendlich bekam ich zwei konkrete Vorschläge in Form von „Bewerbungsunterlagen“ . Die Unterlagen bestanden aus einer Beschreibung, Fotos und den Wünschen der Familie.

Familie 1: Eine Familie in der Nähe von Fribourg, in der Stadt:
– Zwei Kinder, ein Säugling und ein Kleinkind
– Ich wäre für die Kinder zuständig und teilweise auch für den Haushalt

Familie 2: Eine Familie in der Nähe von Nyon, eher ländlich:
– Zwei Kinder, beides keine Kleinkinder mehr
– Ich wäre für die Kinder, den Haushalt und für das Kochen zuständig

Ganz ehrlich: Weder der Erste noch der Zweite Vorschlag überzeugten mich wirklich und mir wurde erst richtig bewusst wie Ernst meine Lage war. Ich war also total unsicher, hätte am liebsten nachgefragt, ob sie mir noch mehr Vorschläge machen könnte, traute mich aber nicht etwas zu sagen. Meine Eltern wussten natürlich wie ich tickte, denn ihnen war von vornherein absolut klar, dass ich mich in diesen Familien eher schwer tun würde. Sie liessen mich aber meine eigenen Fehler machen… (Danke Mama und Papa.)

Ich wollte mir also beide Familien bei einem Schnuppertag näher anschauen und besuchte zeitnah beide Familien.

Der Besuch bei Familie 1 war ganz in Ordnung. Sie hatten ein wunderschönes Haus, ich hätte ein total schön eingerichtetes Zimmer mit eigenem Badezimmer. Ich wurde aber direkt ins kalte Wasser geworfen und musste nach den ersten paar Minuten den Säugling der Familie wickeln. Damit war ich ehrlich gesagt total überfordert, denn ich habe bisher immer nur auf Kleinkinder über 5 Jahren aufgepasst. Die Gastmama bemerkte das ich mir schwer tat, erklärte mir natürlich noch den Rest meiner Aufgaben, wie z.B. das Saugen des Wohnzimmers aber ich denke auch für sie war klar, dass ich für diese Au Pair Stelle nicht in Frage kam.

Familie 2 wohnte wie gesagt total ausserhalb und mit 15/16 Jahren durfte ich noch nicht Auto fahren. Bereits auf dem Weg zur Familie hätten mir alle Alarmglocken läuten müssen, denn ich fand diesen ewigen Weg sehr ermüdend ich fühlte mich total von meiner Aussenwelt abgekapselt. Als ich bei Familie 2 ankam, erschienen sie mir alle ganz nett aber nicht wirklich herzlich. Die Gastmama war vor allem, meiner Meinung nach, nicht besonders liebevoll zu ihren Kindern. Da bin ich mir halt Anderes gewohnt. Schlussendlich hatte ich mich auch hier gegen diese Gastfamilie entschieden, da die Chemie einfach nicht stimmte und ich lieber etwas städtischer wohnen wollte.


Meine Au Pair Familie

Nach ein paar weiteren Wochen kam dann endlich ein Gastfamilienvorschlag der mir zusagte. Familie 3 bestand aus einer alleinerziehenden Mutter, die Anwältin ist. Sie hat 3 Kinder im Alter von 5 (Mädchen), 7 (Junge) und 11 (Mädchen) Jahren. Die Gastfamilie stellt einem zum wohnen ein Studio zur Verfügung, also eine Art Zimmer mit Küchenzeile, separatem Badezimmer und Eingang. Glücklicherweise hatten sie auch eine Putzfrau und somit musste ich nur mein Studio sauber halten.

Meine Hauptaufgabe war klar: das hüten der Kinder. Ich habe die zwei kleinsten jeden Morgen mit dem Fahrrad oder zu Fuss zur Schule/zum Kindergarten begleitet, danach hatte ich frei. Meistens bin ich dann in die Stadt oder habe nochmal geschlafen. Dann musste ich die Kinder wieder von der Schule/dem Kindergarten abholen und das Mittagessen zubereiten. Die Kinder haben mir damit auch immer geholfen, indem sie zum Beispiel den Tisch deckten. Danach durfte ich die Kinder wieder zur Schule bringen und hatte danach wieder frei. Am Nachmittag habe ich sie wieder abgeholt und mit ihnen Hausaufgaben gemacht (der Junge hatte eine Lernschwäche) und zu Abend gegessen. Manchmal war die Gastmama dann auch dabei oder früher zu Hause und ich musste mich gar nicht um das Abendessen kümmern. Ich habe die Kinder oft zu ihren Freizeitaktivitäten gebracht und Abends mit ihnen gespielt.

Die Kinder waren wirklich total toll und ich habe sie sehr ins Herz geschlossen, genau so wie meine Gastmama. Ab und zu war der Vater der Kinder auch dort, ihn mochte ich aber ehrlich gesagt nicht all zu sehr. Die Familie hatte übrigens auch zwei Katzen, von der eine öfter epileptische Anfälle hatte. In diesem Jahr habe ich mir übrigens auch mein Zungenpiercing stechen lassen, natürlich mit der Erlaubnis meiner Mutter.

Jeden Mittwoch Nachmittag bin ich dann in die Sprachschule Etudes Modernes. Zu beginn der Schule mussten wir alle einen Einstufungstest machen und wurden so in verschiedene Klassen eingeteilt. Ich freundete mich eigentlich mit allen meiner Klasse an, aber es gab dann eine Umstrukturierung, sodass neue Klassen gebildet wurden. Ich kam dann in die Klasse mit Marisa (Hi, wenn du das liest! <3) und es war wie Liebe auf den ersten Blick. Ok, zuerst hassten wir uns, denn Marisa ist ursprünglich aus Portugal und ich aus Brasilien – Vorurteile. Aber dann bemerkten wir, dass wir uns total gut verstehen und wir in diesem Kurs beide völlig unterfordert sind. Ich hatte wirklich eine super Zeit in Morges und ich denke gerne daran zurück. Marisa wohnt zwar 2 Stunden von mir entfernt, dennoch sehen wir uns mehrmals im Jahr – und es ist jedes mal ein riesiges Fest! 🙂

Wie bereits erwähnt, habe ich einige Freundschaften durch die Schule schliessen können. Wir waren dann oft unter der Woche am Abend zusammen am Lac Leman und haben Shisha geraucht, Eis gegessen oder sind nach Lausanne gefahren für eine Shopping-Tour. Einmal sind wir sogar alle zusammen nach Genf. Wir hatten übrigens alle eine GA (Generalabonnement) und konnten deswegen überall mit dem Zug, Bus oder der Fähre hinfahren.


Ängste

„Ich traue mich nicht Französisch zu sprechen, weil ich Fehler mache.“
Ok. Das ist eine Aussage die ich so oft höre und ich verstehe es auch, ABER hör auf dich deswegen zu verkopfen! Wieso machst du einen Sprachaufenthalt? Um die Sprache zu lernen! Und wie lernst du diese am aller Besten? Indem du die Sprache so oft wie möglich sprichst! Fehler sind völlig normal und menschlich. Es kreidet dich gar niemand an, wenn du etwas Falsch ausspricht. Den meisten Leuten fällt es nicht mal auf. Also mein Credo: Rede so viel wie möglich!

„Was ist, wenn ich merke, dass meine Gastfamilie mir doch nicht gefällt und ich wechseln möchte?
Gar kein Problem. Ihr habt jederzeit die Möglichkeit zu wechseln. Redet aber am besten davor noch mit euren Eltern und Freunden darüber. Dann kannst du mit deiner Vermittlungsagentur Kontakt aufnehmen. Die hilft dir gerne bei diesem Problemweiter indem sie ein Gespräch mit der Gastfamilie suchen und wenn wirklich nichts mehr geht, dich aus der Familie rausnehmen. Sei mutig!


Meine Empfehlungen/Tipps für dich

  • Überlege dir genau im vorab, welche Sprache du lernen möchtest
  • Bei der Auswahl deiner Gastfamilie: Höre auf dein Bauchgefühl!
  • Sei dir bewusst, dass du die Verantwortung für deine Gastkinder trägst
  • Heimweh ist am Anfang ganz normal, das vergeht schneller als du denkst

Hast du auch ein Au Pair Jahr gemacht? Könntest du dir vorstellen als Au Pair zu arbeiten?

xox

Sarah Marie

Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung, da Marken genannt werden. Die Dienstleistungen habe ich mit meinem eigenen Geld bezahlt.

6 Kommentare zu „Meine Erfahrungen als Au Pair

  1. Ich finde es super, dass Du in jungen Jahren schon so eine Entscheidung getroffen hast. Meine große Tochter ist jetzt 17 und hat leider keinen Plan, was sie mal machen will. Mal sehen wie es weiter geht.
    Liebe Grüße
    Anja von Castlemaker.de

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Anja,
      Mir hat dieses Jahr total geholfen selbstständig zu werden und mich etwas von meiner Mama zu „lösen“. Abgesehen davon hatte ich vor dem Jahr wirklich oft Streit mit meiner Mama wegen irgendwelchen Kleinigkeiten – durch die Entfernung konnte ich wieder einen besseren Draht zu ihr aufbauen. 😊👍🏼 Französisch ist auch bei der Ausbildung/Jobsuche total hilfreich, da selten Jemand die Sprache beherrscht.. 😝 das ist zumindest meine Erfahrung damit.
      Ich bin mir sicher, dass deine Tochter auch noch ihren Weg finden wird. 🤗
      Liebe Grüsse,
      Sarah Marie

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  2. Ich habe leider nie Erfahrungen als Au Pair gemacht, hätte es aber eigentlich ganz gerne mal ausprobiert – ich glaube das sind wirklich ziemliche wertvolle Erfahrungen die man da sammeln kann. Für mich steht und fällt aber alles mit der Gastfamilie. Ich hatte auch ein paar Freundinnen, die da leider gar kein Glück hatten – zum Glück war es bei dir anders. xxx

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Anna,
      Danke für deinen Kommentar. Du kannst diese Erfahrung ja immer noch machen, wenn du möchtest. Ich finde dafür ist man „nie“ zu alt. Ansonsten ist ein Sprachaufenthalt ähnlich wie ein Au Pair Jahr.. oder ein Work & Travel Jahr wäre auch eine Option.
      Ich muss sagen, dass ich sehr froh bin, diese Erfahrungen gemacht zu haben. Dieses Jahr hat mich reifer werden lassen und vor allem sehr geprägt! Die Gastfamilie ist wirklich das wichtigste. Bin sehr froh das ich eine super liebe Gastfamilie hatte, habe natürlich von meinen Klassenkameraden auch andere Geschichten gehört..

      Liebe Grüsse,
      Sarah Marie

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